Interview mit Rappers-Guide
Niko von Rappers-Guide hat sich Zeit für uns genommen. Herausgekommen ist ein kurzweiliges Interview mit ordentlich Spaß zwischen den Zeilen. Wer schon immer wissen wollte wer an Kopfsport schuld hat, was in Augsburg so geht, warum wir eigentlich zu dritt unterwegs sind, welche Idole wir vergöttern, wie wir unseren Sound kategorisieren, ob wir im Team Entscheidungen fällen, wieso wir uns von vielen anderen Rapgruppen weltweit unterscheiden, warum wir auf Fußballmetaphern stehen, ob wir politisch sind oder doch nur für Amnesty aktiv und wie unsere Pläne für die Zukunft aussehen, der klickt sich rein.
Kopfsport – Reine Kopfsache
von Niko (www.rappers-guide.com)
Hip Hop aus Augsburg? Was da geht, beweist die Crew Kopfsport. Ihr Album heißt „Hart aber Herzlich” und wir fragten nach, wie die Jungs denn nun wirklich sind…
Kopfsport, wer steckt dahinter?
Menace: Viel Schmerz bei der Namensfindung…
Daster: Die Rapkaputtmacher, Amerikaner, Neoliberalisten, Weiber und Brauereien, die gemeinsam schuld daran sind, dass Menace (Ex-So’Twinz), Daster (Ex-Chefetage) und DJ First Strike dämliche Lebensweisheiten verbreiten.
First Strike: Meine Uni-Abschlussarbeit die mir befohlen hat sie auf die lange Bank zu schieben um Rapstar zu werden
Ihr kommt aus dem Augsburger Raum. Was geht da im Hip Hop?
Menace: Musst Du die anderen Fragen ich bin ne Pophure!
Daster: Einiges aber sehr verstreut und wenig gemeinsam. Guter Sound (Features sind in Planung), gute DJs in unseren Stammclubs und freshe Maler. Breakermäßig hat’s wohl leider etwas abgenommen – zumindest bekomme ich nicht mehr so viel davon mit.
First Strike: Sehr viel auch wenn Restdeutschland das nicht mitbekommt. Berlin ist ja auch wesentlich interessanter als Augsburg. Und wenn der Mond in Massivs Ghetto kracht, geht Augsburg eh den Lech runter. Wie Daster aber bereits gesagt hat gibt es hier zahlreiche Aktive und der Großteil davon muss sich wirklich nicht verstecken. Unsere Club DJs sind erste Sahne, der Graffiti Nachwuchs rockt meiner Meinung nach sehr. Breaker sieht man leider nicht allzu oft was jetzt aber nichts über deren Können aussagen soll und die Nachwuchsrapper bzw. anderen Rap Künstler kochen zwar alle meistens ihr eigenes Süppchen aber man hat dennoch den nötigen Respekt vor- und untereinander. Ein bisschen mehr Networking würde sicher nicht schaden. Aber zeig mir eine Stadt in der es anders wär.
Aktiv seid ihr schon seit ein paar Tagen, was hat Euch Schlussendlich dazu gebracht, als Gruppe aufzutreten?
Daster: Menace hat mich gefragt was ich für Ihn tun könnte damit er nicht anfängt zu FC Bayern München-Spielen zu gehen. Ich habe ihm eine BVB-Pudelmütze geschenkt und ihn zur ersten Kopfsport-Probe mitgenommen. Der Rest ging von alleine. Vor allem weil Firsty der einzige BVB-Fan Augsburgs war, der auch schon cutten und produzieren konnte…
Menace: Die Tatsache, dass man Live nicht mehr alleine die Becher an den Kopp bekommt.
First Strike: Sex, Drugs und Rock ‘n Roll – pardon – Hip-Hop und natürlich die Aussicht Dasters Hintern im schicken BVB-Tanga am Morgen nach unseren Gigs bewundern zu dürfen. Nein, Spaß beiseite. Schlussendlich stimmt bei uns schlicht und ergreifend die Chemie untereinander und das ist für mich immer das wichtigste.
Gibt es Vorbilder, Inspirationen, die Euch bis heute geprägt haben?
Daster: Vorbilder klingt so überehrfürchtig aber Inspiration? MoE von M-PIRE Mannheim (für seine Sicht des Rap”geschäfts” und sonstige unwichtige Weisheiten), die ganzen Ruhrpottpoeten (Too Strong, RAG, 2Seiten, Inferno79, Donato etc.) für eine Menge Unterhaltungsstoff bis heute und alle von damals, die bis gestern ihren Teil zu dem beigetragen haben was ich als mein Rap-Universum bezeichne.
Menace: Bis heute? Schwierig zu sagen, weil die meisten sich bereits aus dem Zirkus verabschiedet haben…und wenn ich drüber nachdenke ist es schwer eine handvoll Bands oder Künstler zu nennen. Es war eher die Zeit und der Vibe der mich geprägt hat. Es hat ohnehin jeder meiner persönlichen Helden es früher oder später geschafft sein Denkmal mit dem Arsch einzureißen.
First Strike: Mit dem Begriff Vorbild hab ich so meine Probleme. Meiner Meinung nach sind wir alle Menschen mit guten und schlechten Charaktereigenschaften. Jemanden zu einer Ikone hochzustilisieren liegt mir daher nicht. Das soll RTL bei DSDS machen oder Heidi wenn sie ein neues Model gefunden hat. Aber ich nehme an Du möchtest Namen und Anekdoten hören. Darum geb ich Dir welche: Mirko Machine, Stylewarz und natürlich Funky Chris fallen mir spontan ein, die mich als DJ geprägt haben. Ich werd beispielsweise nie vergessen wie Funky Chris im Drunkenstyle erst die abartigsten Cuts aus dem Ärmel schüttelt und dann wie ein Berserker mit dem Mic über die Bühne springt und zusammen mit Doze und dem Langen die Hütte auseinander zu nehmen. Da sollten sich die ganzen selbst ernannten Rapper und DJs dieser Tage mal ein Beispiel dran nehmen. Stattdessen messen Leute heute lieber mit zweierlei Maß und werfen den Helden alter Tage heute Oldschooligkeit aufgrund des simpleren Reimschemas vor. Wo leben wir denn bitte schön? Das ist total lächerlich und zeigt nur wie weit sich die junge Generation von der Materie entfernt hat. Übrigens: Live Rap ohne DJ mit Beats vom Band gehen mal so gar nicht. Jungs was ist los mit Euch? Wenn schon Rap dann wenigstens mit DJ. Aber vermutlich findet man im Deutschlands Ghettos und Muskelbuden keine DJs mehr die sich zu reinen Showzwecken beim Dome auf die Bühne stellen.
Euer Album „Hart aber Herzlich” ist auf dem Markt. Ich weiß, die Frage ist unfair, aber: Wie würdet Ihr den Sound beschreiben?
Menace: Wirklich eine schwere Frage, weil ich mich persönlich sehr schwer tue unser Album zu klassifizieren. Es fühlt sich einfach anders an. Ich weiß, das ist kein Kaufargument weil es jeder von sich behauptet. Aber es ist wirklich so.
Daster: BierbudenpoesiemitichkriegsiealleinsbettattitüdefußballoléoléHipHopisthalbtotabergehtabwiesau
First Strike: Textlicher Tiefgang auf Boom Bap Beats der neueren Generation für Leute die noch Ansprüche an Raptexte stellen. Denn mal ganz ehrlich, was den meisten Rappern dieser Tage fehlt ist Inhalt. Was bringen Dir Rapskills wenn Du nix zu sagen hast und jeder nach 30 Sekunden weg hört oder sich am Ende des Songs denkt: „Was hat mir der Typ da eigentlich gerade versucht zu erzählen?” Ich persönlich verzichte lieber auf Tripple-irgendwas Reime wenn der Text nur aus Gehirnfürzen besteht. Denn letzten Endes – und das verstehen die jüngeren Raphörer heutzutage meistens gar nicht mehr – geht es nicht nur um Deine Rapskills sondern auch um das Gesamtpaket oder kurz – um den eigenen Style. Und das stimmt meines Erachtens bei vielen Leuten heute einfach nicht mehr. Der Style fehlt ihnen ähnlich wie anderen früher der Funk. Und „Style is the key to all forms of rocking.”
Wer hat die Hand auf der Musik, ist das eine Teamentscheidung?
Daster: Die produzieren irgendwelchen Schrott in der Gegend rum und ich muss textlich alles wieder geradebiegen. Was aber nicht gerade auffällt…
Menace: Frag den DJ! Muaahh!!
First Strike: Grundsätzlich ist das schon eine Teamentscheidung. Die Beats stammen allesamt von Menace und mir selbst. Allerdings legen wir schon Wert darauf das sich wirklich jeder wohl fühlt mit einem Song. Das heißt wenn jetzt einer partout nicht auf dieses oder jenes in einem Beat klarkommt dann wird eben darüber gesprochen – manchmal mehr als uns selbst lieb ist – und am Ende entscheidet dann unser „Bandnazi” dessen Name ich hier an dieser Stelle nicht verraten möchte.
Zusammenfassend: Was unterscheidet Euch von den vielen anderen Acts da draußen?
Menace: Unsere Erfahrung und dass wir uns selbst in diesem HipHop Kontext nicht mehr so ernst nehmen. Wir sind keinesfalls die Clowns, im Gegenteil, aber Ich lege bei mir persönlich nicht mehr so den Maßstab an, was andere von uns als „HipHop” Band verlangen.
Daster: Klingt jetzt echt doof aber: Dass ich für mich gesprochen zumindest keine Ahnung habe was die da draußen alle zur Zeit so machen und deshalb keine Sorge haben muss Klischees erfüllen zu müssen oder im schlimmsten Fall für jemand anders gehalten zu werden (ja ja, der rappt wie Tatwaffe, ich weiß, allerdings nicht warum, lasst euch mal was anderes einfallen!). Ich bin echt vor einigen Jahren mehr oder weniger ausgestiegen und halte mich nicht auf dem Laufenden bis auf ein paar Ausnahmen. Manche Leute sagen unser Sound wäre einfach eigenständiger als vieles von dem anderen Zeug. Wenn das so sein sollte – geil Alter. Wenn du mich fragst warum – keine Ahnung Alter. Und das lässt einen entspannt einfach weiterhin jeglichen Blödsinn rausbringen, der einem gerade so in den Sinn kommt.
First Strike: Wir sehen einfach besser aus. Kleiner Scherz, ich glaube was uns auszeichnet ist die Mischung unserer Persönlichkeiten. Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen mit verschiedenen musikalischen Hintergründen und Einflüssen. Daster zum Beispiel kommt ursprünglich aus der Graffiti Szene, Menace ist eher unser heimlicher Pop-Rapper und ich bin dann vermutlich der Underground Hip-Hop Head (allerdings ohne den oft zitierten Rucksack oder dem Wichtigtuer-Zeigefinger). Das klingt jetzt sicher übertrieben kitschig aber wir sind eben auch mit dem Herzen dabei und das seit Mitte der 90er. Und genau daraus ergibt sich für mich diese einzigartige Mischung die uns auszeichnet. Ob uns das letzten Endes von anderen Rap Acts unterscheidet sollen andere entscheiden.
Das Intro zu Eurem Album ist aus historischen Fussball-Kommentaren zusammengesetzt. Warum?
Menace: Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt…
First Strike: Das passt einfach am besten zum Thema des Songs der im Prinzip mittels seiner Fußballmetaphorik das widerspiegelt was wir fühlen wenn man als alter Hase wieder ins Hip-Hop Haifischbecken mit all seinen Höhen und Tiefen geworfen wird.
Daster: Ich hab’s nicht geschnitten aber weil die Atmosphäre alter Fußballkommentare nie wieder so nach feuchtem Rasen und ehrlichem Sport klingen wird wie damals. Wenn man diesen Song als fußballmäßige Dauermetapher zu unserem warmgespielten Rapdasein sieht kann man da ehrlicherweise nur alte Kommentare vorwegschieben. Jetzt fällt mir allerdings erst auf warum manche Leute unseren Sound als „alt” und „hängengeblieben” bezeichnen…
Ihr habt letztes Jahr an einem Bandcontest teilgenommen, der Jungwähler motivieren sollte. Seid Ihr politisch?
Daster: Volle Kanne. Aber parteilos. Diese parteipolitischen, charakterkopflosen Strategiefickereien lassen zwar keinen halbwegs vernünftigen Menschen mehr ernsthaft einer einzigen Partei nachfiebern aber diese Aktion war sehr geil um junge Leute trotzdem an die Urne zu bringen. Für oder gegen wen auch immer.
Menace: Ne, wir haben nur für versucht an das Koks im Bundestag zu kommen. Aber ehe wir uns versahen haben wir gemerkt, dass es gar keine Bundestagswahl war sondern nur unser neuer POP-OB gewählt wurde. Wer Augsburg kennt wird sich jetzt köstlich über dieses doppeldeutige Wortspiel amüsieren. Die anderen eher nicht…
First Strike: Wenn das jetzt mein Uni-Professor liest und ich sage das ich politikverdrossen bin dann wars das mit dem MA in Politikwissenschaften. Also nein ich bin nicht politikverdrossen. Kann aber jeden verstehen der von der aktuellen Politik enttäuscht ist. Insofern finde ich es schon wichtig jungen Menschen zu zeigen das man eine Stimme hat mit der man im Zweifelsfall sogar etwas erreichen kann. Schlimm genug das sich keiner mehr für seinen Nachbarn oder ähnliches interessiert. Wo landen wir dann erst wenn keiner mehr zur Wahl geht? Ich finde man muss jungen Leuten zeigen das es sich lohnt für etwas zu kämpfen und seine Meinungen zu vertreten. Diese konsumorientierten Medienzombies der „We Love to be entertained Generation” die unsere Gesellschaft seit Jahren hochzüchtet kann nicht die Antwort auf unsere Zukunft sein.
Auch für Amnesty International seid Ihr aktiv. Sind Euch solche Projekte wichtig?
Menace: Aktiv ist ein bisschen zu viel. Wir unterstützen gerne solche Projekte, wenn man auf uns zu kommt und es für einen guten Zweck ist. Aktiv sind aber eher andere.
Daster: Wenn’s wenigstens Freibier gibt – immer. Und: ja.
First Strike: Um das nochmal deutlich zu machen: Wir sind nicht für Amnesty International aktiv. Das war lediglich ein Engagement für einen Gig und eine gute Sache zur richtigen Zeit. Trotzdem finde ich die Arbeit von Institutionen wie Amnesty extrem wichtig und wenn man sich einmal ernsthaft damit beschäftigt wie es allein in Deutschland um den Schutz der Menschenrechte bestellt ist, kann einem manchmal durchaus Angst und Bange werden. Ich will das jetzt hier nicht dramatisieren oder weiter ausschmücken, aber ich schätze die Arbeit dieser Institutionen wirklich sehr. Gleichwohl soll das jetzt hier kein Zeigefinger sein. Lediglich ein Denkanstoß für den ein oder anderen. Nachdenken ist nämlich auch so ein Ding das ich bei vielen Leuten im Rapgeschäft gerade etwas vermisse.
Was sind die kommenden Pläne und Projekte?
Daster: Ein Live-Set mit einer Augsburger Funkband zusammenzubauen und dann mit oder auch ohne denen (je nach Gig) das komplette deutschsprachige Europa auseinander zu nehmen. Und weiter Sound FÜR UNS zu machen, den andere Leute auch gut finden. Ohne zu wissen warum.
Menace: Ich widme mich erstmal ganz dem „Hart aber Herzlich” Album Re-Relaunch mit dem wir es als Label und Band geschafft haben Sony als Vertriebspartner zu gewinnen. Neben der Promoschlampentour durch alle Medien stehen demnächst auch noch einige Gigs in Haus. Darunter eine recht interessante Geschichte namens „Puppets on a string”, die im Rahmen des in Augsburg neu eingeführten Modular Festivals stattfindet. Dabei werden verschiedene Bands aus unterschiedlichen Musikrichtungen jeweils einen Song zusammen mit einem klassischen Orchester zum Besten geben. Ansonsten steht definitiv ein neues Kopfsport Album an. Also checkt regelmäßig unsere Webseite: www.kopfsport.com und falls uns jemand da draußen buchen möchte, schreibt uns einfach. So teuer sind wir nun auch wieder nicht.
First Strike: Mit dem Sony Vertriebsdeal in der Tasche? Möglichst viel releasen. Ich bin ohnehin ein Fan von mehr machen weniger tot diskutieren. Trotzdem muss man da aufpassen: Masse ist ja bekanntlich nicht gleich Klasse. Dennoch glaube ich das bei uns momentan genug qualitativ hochwertige Beats auf Halde liegen bei denen es extrem schade wäre wenn sie einfach so vor sich dahindümpeln und mit der Zeit vergessen werden. Neben einem regelmäßigen DJ Podcast arbeite ich bereits an neuen Kopfsport Tracks. Und so viel sei verraten: ein paar nagelneue Exklusives zum kostenlosen Download auf unserer Seite wird es demnächst auch geben. Darüber hinaus bin ich auch gerne offen für andere Sachen. Wie sagen die Amis da immer so schön: „Keep your ear to the streets.” Vielleicht gibt’s am Ende ja sogar ein eigenes kleines Produzenten Album. Wer weiß?
Ich danke für das Interview.
Kopfsport: Wir danken für die Aufmerksamkeit.

